Wie viel brauchst du wirklich? Die 4-%-Regel im Europa-Test
Die 4-%-Regel stammt aus US-Daten und 30 Jahren Ruhestand. Schön für die Amerikaner. Was die Forschung für Europäer sagt und wie du deine Zahl findest.
Woher die 4 % kommen#
1994 testete der US-Finanzplaner William Bengen jedes Startjahr eines Ruhestands seit 1926 gegen die echte Marktgeschichte. Seine Frage war simpel: Wie viel kann ein Rentner jedes Jahr entnehmen, ohne dass das Depot leerläuft?
Seine Antwort: im ersten Jahr 4 % des Depots entnehmen und diesen Eurobetrag dann jedes Jahr mit der Inflation anheben. Mit der Hälfte des Geldes in US-Aktien und der Hälfte in US-Staatsanleihen ging keinem historischen Rentner in weniger als 33 Jahren das Geld aus.
Erst schätzen
US-Daten von 1926 bis 1995, aus der Trinity-Studie. Mit der Hälfte oder mehr in Aktien hat dieselbe Entnahme in 95 % bis 98 % der Fälle gehalten.
Vier Jahre später rechneten drei Professoren der Trinity University einen ähnlichen Test für 1926 bis 1995. Du kennst das Papier vermutlich als Trinity-Studie. So oft hat eine inflationsbereinigte Entnahme von 4 % über 30 Jahre gehalten:
| Depot | Erfolgsquote |
|---|---|
| 100 % Aktien | 95 % |
| 75 % Aktien, 25 % Anleihen | 98 % |
| 50 % Aktien, 50 % Anleihen | 95 % |
| 25 % Aktien, 75 % Anleihen | 71 % |
| 100 % Anleihen | 20 % |
Zwei Dinge nimmst du hier mit. Eine Entnahme von 4 % hat meistens funktioniert. Meistens ist nicht immer. Und das „sichere“ Depot ganz ohne Aktien? Hat den Beintag geschwänzt.
Jetzt dasselbe mit deinen Zahlen.
Das Kleingedruckte, das keiner liest#
Die 4-%-Regel ist eine gute erste Schätzung. Aber sie bringt vier Annahmen mit, und jede davon betrifft dich.
- 30 Jahre. Passt, wenn du mit 67 aufhörst. Zu kurz, wenn du mit 50 aufhörst.
- US-Daten. Die USA hatten einen der besten Aktienmärkte des 20. Jahrhunderts. Du schreibst also beim Klassenbesten ab.
- Keine Kosten, keine Steuern. Die Studien ignorieren Fondskosten und Steuern auf Entnahmen. Dein Finanzamt eher nicht.
- Roboterverhalten. Der Rentner erhöht seine Ausgaben jedes Jahr mit der Inflation, Crash hin oder her.
Länger als 30 Jahre#
Das hat Bengen selbst durchgerechnet. In seinen Daten hielt eine Startrate von 3 % bis etwa 3,5 % jedes Depot mindestens 50 Jahre am Leben. Bei 4,25 % war im schlechtesten Fall nach 28 Jahren Schluss.
Der Schritt von 30 auf 50 Jahre kostet dich also grob einen halben Prozentpunkt. Wenn dein Depot dich schon früh tragen soll, sind 3,25 % bis 3,5 % der vorsichtigere Bereich. Daher kommt auch „das 25- bis 30-Fache deiner Ausgaben“: 25 für einen klassischen Ruhestand, eher 30 für einen langen.
Was sich außerhalb der USA ändert#
Jetzt wird es ungemütlich. 2010 wiederholte Wade Pfau den Test für 17 Industrieländer mit Daten von 1900 bis 2008. Jeder Rentner hielt nur Aktien, Anleihen und Geldmarktpapiere aus dem eigenen Land. Pfau gab ihnen sogar die im Rückblick bestmögliche Mischung. Mehr Cheatcode geht nicht.
Erst schätzen
Der schlechteste Fall ist ein Ruhestand, der in einem Kriegsjahr begann. Niemand zwingt dich, nur ein Land zu halten, und genau dafür gibt es globale Fonds.
Die höchste Entnahmerate, die jede 30-Jahres-Periode überlebt hat:
| Land | Sichere Rate im schlechtesten Fall |
|---|---|
| Kanada | 4,42 % |
| USA | 4,02 % |
| Großbritannien | 3,77 % |
| Schweiz | 3,59 % |
| Niederlande | 3,36 % |
| Spanien | 2,56 % |
| Italien | 1,56 % |
| Frankreich | 1,25 % |
| Deutschland | 1,14 % |
Nur 4 von 17 Ländern kamen über 4 %: Kanada, Schweden, Dänemark und die USA. Und jetzt schau mal, wer ganz unten steht. Autsch.
Bevor du in Panik gerätst: Die schlechtesten Fälle für Deutschland, Frankreich und Italien sind Ruhestände, die 1914, 1943 und 1944 begannen. Kriegsjahre. Und niemand zwingt dich, nur heimische Anlagen zu halten. Ein globaler Indexfonds verteilt dieses Risiko auf Dutzende Länder. Genau deshalb würde ich kein Ein-Länder-Depot halten. Mehr dazu in MSCI World vs. FTSE All-World.
Es gibt auch eine neuere Studie, von Anarkulova, Cederburg, O’Doherty und Sias, veröffentlicht 2025, mit Daten aus 38 Industrieländern. Ihr Ergebnis für ein 65-jähriges Paar, das ein Risiko von 5 % akzeptiert, dass das Geld ausgeht: 2,31 % pro Jahr.
Und was heißt das jetzt für dich? 4 % sind das optimistische Ende, gebaut auf der Geschichte des Gewinners. Rund 2,3 % sind das pessimistische Ende, gebaut auf allem, was in einem Industrieland je schiefging. Wer global gestreut investiert und flexibel bleibt, landet irgendwo dazwischen. Historische Renditen sind keine Versprechen, in keine Richtung.
Die Rente ist dein Boden#
Du musst nicht dein ganzes Leben aus dem Depot bezahlen. Die gesetzliche Rente zahlt lebenslang und steigt mit den Löhnen. Für unsere Generation fällt sie dünner aus, wie die Rentenrechnung für Deutschland und sechs weitere Länder zeigt, aber sie wird da sein. Wie dick der Boden am Ende ist, entscheiden allerdings Politiker, die die nächste Wahl gewinnen wollen, und nicht die Mathematik. Ich behandle sie deshalb als Bonus und rechne die Zahl auch ohne sie.
Die Zahl, die zählt, ist also die Lücke:
Ausgabenlücke = Jahresausgaben − Nettorente
Du willst schon vor dem Rentenalter nicht mehr für Geld arbeiten müssen? Dann brauchst du beide Zahlen: den vollen Betrag für die Brückenjahre und die Lücke für die Zeit danach. Früher aufhören heißt auch weniger Rentenanspruch. Nimm also deine eigene Renteninformation und nicht den Standardrentner. Den gibt es sowieso nur in der Statistik.
Nicht in Deutschland? Nimm die Zahl aus der Renteninformation deines Landes, nach Krankenversicherung, falls die dort abgezogen wird, und in heutiger Kaufkraft. Für den groben Anfang hat der Rentenlücken-Check OECD-Werte für 19 Länder.
Das Finanzamt isst mit#
Eine Entnahme ist ein Verkauf, und ein Verkauf kann Steuern auslösen. Du hast das Geld verdient, versteuert, den Rest investiert und das ganze Risiko getragen. Der Staat hat keins getragen und steht bei der Auszahlung trotzdem an der Kasse. Die Studien ignorieren das. Du kannst dir das nicht leisten.
Die Regeln sind von Land zu Land verschieden. Für Deutschland 2026:
- Kapitalerträge werden mit 25 % besteuert, plus 5,5 % Solidaritätszuschlag auf diese Steuer, zusammen 26,375 %. Solidarität ist hier übrigens Pflicht. Kirchensteuer kommt obendrauf, falls du sie zahlst.
- Bei Aktienfonds sind 30 % des Gewinns steuerfrei (Teilfreistellung). Das macht 18,46 % auf den Gewinn.
- Die ersten 1.000 € Kapitalerträge pro Person und Jahr sind steuerfrei (Sparerpauschbetrag).
- Besteuert wird nur der Gewinn, nicht der ganze Verkauf.
Die deutschen Details, inklusive Vorabpauschale, stehen in ETF-Steuern in Deutschland.
Woanders schlägst du drei Dinge nach: den Steuersatz auf Kursgewinne, den jährlichen Freibetrag, falls es einen gibt, und ob dein Land Fonds schon besteuert, während du sie hältst, oder erst beim Verkauf. Dann rechnest du das Beispiel mit deinen Zahlen nach.
Die Krankenversicherung ist die andere Rechnung, die gern vergisst, wer früh aufhört. Darum geht es in FIRE in Europa.
Was ich damit machen würde#
- Schreib ein Jahr lang mit, was du wirklich ausgibst. Wirklich, nicht gefühlt. Ohne diese Zahl ist der Faktor wertlos.
- Zieh die Rente ab, die du realistisch erwarten kannst, in heutigen Euro.
- Multipliziere die Lücke mit 25 für ein erstes Ziel und mit 30 für ein vorsichtiges.
- Plane Luft für Steuern und Krankenversicherung ein.
- Rechne einmal im Jahr neu. Es ist eine Zahl, kein Tattoo.
Das letzte Level des Kurses macht daraus einen Plan auf einer Seite: der Exit.
Dieser Artikel ist Bildung, keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.
Quellen#
- William P. Bengen: Determining Withdrawal Rates Using Historical Data, Journal of Financial Planning, 1994
- Cooley, Hubbard, Walz: Retirement Savings – Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable, AAII Journal, 1998
- Wade D. Pfau: An International Perspective on Safe Withdrawal Rates, Journal of Financial Planning, 2010
- Anarkulova, Cederburg, O’Doherty, Sias: The safe withdrawal rate – evidence from a broad sample of developed markets, Journal of Pension Economics and Finance, 2025
- Deutsche Rentenversicherung: Rentenversicherung in Zahlen 2026
- Einkommensteuergesetz § 32d: Steuersatz für Kapitaleinkünfte
- Einkommensteuergesetz § 20: Sparerpauschbetrag
- Solidaritätszuschlaggesetz § 4: Zuschlagssatz
- Investmentsteuergesetz § 20: Teilfreistellung für Aktienfonds
Wissen, keine Beratung. Ich kenne deine Situation nicht, und vergangene Renditen versprechen gar nichts. Prüf meine Zahlen, dann entscheide selbst. Du bist erwachsen.